Stefanie Gregg – Interview

Eliza: Liebe Stefanie, vielen lieben Dank, dass Du bei unserem Special „Deutschland nach 1945“ dabei bist. Bevor wir auf das Thema „Nachkriegszeit“ kommen, möchte ich Dir noch ein paar private Fragen stellen. Wie sieht für Dich ein „normaler“ Autorenalltag aus?

Stefanie: Zuallererst muss ich sagen: so war das vor Corona:

Aufstehen, Frühstück machen, Kinder gehen zur Schule, Ruhe legt sich über das Haus. Ich gehe an meinen Schreibtisch. Oft sehe ich zuerst in die sozialen Medien – das ist so in etwa wie ein Smalltalk im Büro führen. Dann geht es an meine Arbeit, die ich nahezu immer liebe. Meist beginnt man zuerst mit anstehenden nötigen Arbeiten, das mögen Recherchearbeiten sein, das Suchen nach einem bestimmten Vorgang, nach einem bestimmten Datum, das Blättern, bis man jenes Ereignis in einem Sachbuch wieder findet, das man jetzt doch braucht… Dann kommt das, was einen glücklich macht, bei weitem nicht jeden Tag, aber wenn es soweit ist und geht: das Schreiben. Oft sind es, wenn ich schreibe, drei Seiten, sehr selten mehr als zehn. Schreiben ist keine Fließbandarbeit. Das meiste meiner Arbeit besteht im Korrigieren. Nicht ein-, zweimal. Meine großen Bücher, wie die Nebelkinder bin ich an die 50 Mal durchgegangen. Vor Lektorat, nach Lektorat. Umstellung, Streichung, Neuschreiben usw.

Die Autorin bei der Arbeit (vor der Kirche auf dem Weg nach Breslau) Quelle: Stefanie Gregg

Wenn meine Kinder aus der Schule kommen, ich Essen gekocht und wir gegessen haben, besteht der Nachmittag, der oft genug unterbrochen wird von Kinderfragen, Einkaufen, Kinder zum Eislaufen fahren etc, eher darin, Bücher, oft Sachbücher zum Thema zu lesen oder nochmal grundsätzlich zu recherchieren.

Früher war mein Abend frei. Derzeit gestehe ich, dass ich ihn oft auch zum Arbeiten nutze.

Tja, in Corona-Zeiten verschiebt sich zum einen der gesamte Alltag um 2 – 3 Stunden (das Ausschlafen genießen wir alle so sehr), Vormittag und Nachmittag vermischen und verweben sich. Ich gestehe, das Arbeiten wird etwas unproduktiver, weil so zerfleddert und weniger konzentriert. Aber bald, bald, so hoffe ich, kehrt wieder Normalität ein.

 Eliza: Wie bist Du zum Schreiben gekommen? Gab es da einen speziellen Auslöser oder war es ein lang gehegter Wunsch?

Stefanie: Seit ich schreiben kann, schreibe ich: kleine Notizen Gedichte, Geschichten, Gedanken. Auf Notizzetteln in der Nacht, auf Servietten, wenn gerade nichts anderes da war. Ich habe ein geisteswissenschaftliches Studium mit journalistischer Arbeit finanziert, habe dann zwar bei Bertelsmann und der Unternehmensberatung A.T.Kearney gearbeitet, aber auch dort Sach- und Fachbücher verfasst. Vor zehn Jahren habe ich es gewagt, und (heimlich) den ersten Roman geschrieben. Nun kann ich davon leben und fühle mich wie ‚zuhause angekommen‘.

Eliza: Wie bist Du auf das Thema „Nachkriegskinder“ und „Kriegsenkel“ gekommen? Du selbst bist zwar eines dieser „Kinder“ hast Dich aber bisher eher anderen Buchthemen gewidmet.

Stefanie: Ich habe schon mehrfach und gerne historische Themen einbezogen – so wie auch bei meinem bisherigen Lieblingsbuch „Duft nach Weiß“, bei dem die Geschichte auf dem Hintergrund des Kalten Krieges spielt.

In vielerlei Hinsicht ist es die Geschichte meiner Großmutter Käthe, die ihre drei Töchter mit dem letzten Zug aus Breslau herausbringen konnte. Und auch die meiner Mutter, die als Fünfjährige die Nächte im Stall des Bauern, wo man nach der Flucht einquartiert war, unter ‚Kuhbeschuss’ erlebt hat. Aber sie erzählt auch all das, was man mir nicht erzählt hatte.

Bahnhof von Lúban Quelle Stefanie Gregg

Eliza: Mit „Nebelkinder“ nimmst Du eine ganz spezielle Generation in den Blick. Wie bist Du genau auf dieses Thema gekommen? Bzw. was ist Dir an diesem Thema so wichtig?

Stefanie: Der Roman handelt von drei Generationen, drei Frauen, deren Lebensgeschichten untrennbar miteinander verwoben sind, und vom Krieg, der noch heute unser Leben überschattet. Meine Generation der Kriegsenkel kann nicht verstehen, warum unsere Großmütter manchmal zusammenzucken, wenn sie Männer sehen; warum es angeblich keine Vergewaltigungen gab, die jedoch nahezu alle Frauen mit damals sogenanntem ‚Ostkontakt‘ getroffen hat. Wir können auch nicht verstehen, warum Sicherheit wichtiger ist als Lebensgenuss, letzterer sogar verboten.

Eliza: Du beschreibst den Roman aus verschiedenen Perspektiven. War dies wichtig für Dich? Hat Dich dies vor eine besondere Herausforderung gestellt?

Stefanie: Es war wichtig und nötig, denn ich wollte ja erzählen, wie diese Leben der drei Frauen dreier Generationen untrennbar miteinander verwoben sind. Sie leben nicht nacheinander, sondern, ohne dies zu wissen, stark beeinflusst von dem, was der Generation vorher widerfahren ist, was sie erlebt hat. Deswegen bedurfte es des Perspektivenwechsels.

Ja, es ist schwierig, aus verschiedenen Perspektiven und in verschiedenen Zeiten zu schreiben. Mal schreibt man weiter an einer Figur, weil man gerade so drin ist und merkt später, dass das jeweilige Kapitel viel zu lang ist. Oder man spürt beim Überarbeiten, dass hier eine Spiegelung mit der anderen Frau hineingehört. Oft ist dies dann eine richtige Bastelarbeit, bei der ich alle Seiten ausdrucke und die Kapitel hin und her verschiebe, bis ich spüre, dass es so richtig ist.

Auch meine Lektorin hat mich hier viel unterstützt. Immer wieder haben wir gemeinsam überlegt, wie der Text zu strukturieren und zu stellen ist.

Eliza: Als Orte lernen Deine Leser Breslau und München kennen. Du lebst in München. Wie kam es zu Breslau?

Stefanie: Hier spielt meine Lebensgeschichte die entscheidende Rolle. Tatsächlich war die Familie meiner Mutter aus Breslau geflüchtet, ich kannte viele Geschichten von dieser Stadt und für mich war es sofort klar, dass ich sie als Ausgangspunkt nehmen möchte.

Eliza: Du hast Breslau bereist. Auf Facebook hast Du Fotos dazu gepostet. Gab es eine Begegnung, die Du nicht so schnell vergessen wirst? Oder ein Ort der Dich sehr inspiriert hat?

Stefanie: Viele!

Ein junger Pole, der mir im Eisenbahnmuseum, das für mich doch so wichtig war, meine Verzweiflung erspürte und mir die polnischen Erklärungen des Führers übersetzte.

Ein Japaner, der im Riesengebirge lebt, ein Meditationszentrum dort aufgebaut hat und Tieren dort ihren Gnaden-Abend verbringen lässt.

  • Recherchereisen sind kein Urlaub. Man lernt die wunderbarsten Menschen in den seltsamsten Situationen kennen!

Breslau hat mich fasziniert – eine wunderschöne Stadt.

Drei sehr bewegende Momente hatte ich:

Als ich im Gerichtsgebäude stand, in dem mein Großvater noch geurteilt hatte.

Hier ein Foto aus dem Gerichtsgebäude Quelle: Stefanie Gregg

Als ich ganz zufällig eine kleine Kirche auf dem Weg nach Breslau fand, plötzlich wusste, hier hat Käthe geheiratet, mich den halben Tag dort auf die Stufen gesetzt habe und geschrieben.

Als ich auf einem Bahnhof in der Nähe von Breslau saß und plötzlich die Menschen auf den eiskalten Fliesen liegen sah, sie hörte, sie sterben sah. Und dort sitzend alles aufschrieb, bis ich vor Zittern kaum mehr aufstehen konnte.

Eliza: Deine Figuren Käthe, Ana (Anastasia) und Lilith sind sehr beeindruckende Figuren. Teilweise sind sie angelehnt an Familienmitglieder wie Du in deinem Nachwort schreibst. Hat es lange gedauert die Figuren genauso zu entwerfen?

Stefanie: Ja und Nein. Es dauert für einen guten Roman immer lange, die wichtigsten Charaktere zu entwerfen. Dies gehört zum Handwerk eines Autors. Jeder gute, den ich kenne, charakterisiert seine Protagonisten sehr genau, fast immer schriftlich. Sonst bleiben die Figuren blutleer, leblos und der Leser wird ihnen nicht folgen mögen.

In diesem Fall allerdings, hatte ich, mehr als sonst, Parallelen in meiner eigenen Familiengeschichte, die es mir ein wenig leichter machten. Dennoch: in keiner Weise ist dieser Roman ein autobiografischer!

Eliza: War es wichtig für Dich auch den „Klassenabstieg“ zu thematisieren?

Stefanie: Ja. Für die meisten der Flüchtlinge war die Flucht ein unfassbarer Klassenabstieg; in den meisten Fällen viel mehr als jenen, die bleiben konnten, auch wenn natürlich auch diese ausgebombt, verhungert, traumatisiert waren. Aber das Gefühl, plötzlich wertlos zu sein – der Begriff „Flüchtling“ war ein voller Hass und Ekel erfülltes Schimpfwort – blieb jenen Menschen bis ins hohe Alter.

Hier ein Foto der eben genannten Kirche
Quelle: Stefanie Gregg

Eliza: Innerhalb deines Romans baust Du Rückblenden ein, einmal in die 30er Jahre und dann in die 40er Jahre, später dann auch in die 60er und 70er Jahre? Bedarf so etwas einer ganz exakten Planung oder fällt dir so etwas „relativ leicht“?

Stefanie: Es bedarf vor allem exakter Recherche. Über all die Jahre habe ich jeweils sehr viel gelesen – und auch immer von Menschen erfragt!

Das ‚Zusammenbasteln‘ ist dann, wie oben beschrieben, eine mühsame, schwierige Fleißarbeit, die aber oft genug das Entscheidende für einen solchen Generationenroman ausmacht.

Eliza: Was ist Deiner Meinung nach ein Thema, welches viel mehr in den Mittelpunkt gerückt werden sollte? Welches nicht in Vergessenheit geraten sollte, was maßgeblich Deutschland nach 1945 geprägt hat? Welche Botschaft möchtest Du mit „Nebelkinder“ vermitteln?

Stefanie: Die Nebelkinder nennt man in der modernen Psychologie die Generation der Kriegsenkel. Sie haben eigentlich nichts mehr mit dem Krieg zu tun und dennoch haben sie bewusst oder meist unbewusst die Traumata ihrer Vorfahren übernommen. Ihnen hat man ihr Leben lang erklärt, in welchem Privileg sie aufwachsen, aber sie stochern im Nebel des Nichtgesagten. Über den Krieg wurde nicht mehr gesprochen, nicht über getötete Kameraden, nicht über die Menschen, die man getötet hatte. Nur wenn die Nebelkinder den Nebel durchdringen, in die Vergangenheit hineingehen, können sie Großeltern, Eltern und dann vielleicht auch sich selbst verstehen und mit sich und den vorherigen Generationen Frieden schließen.

Eliza: Darfst Du uns schon etwas zu Deinem neuen Roman erzählen? Oder was für Pläne hast Du noch? Gibt es ein Thema, über welches Du unbedingt schreiben willst?

Stefanie: So viele Pläne!

Ich möchte an den ‚Nebelkindern‘ weiter arbeiten, die Figuren sind mir so ans Herz gewachsen. Und es gibt noch so viel über sie zu erzählen! Im 2. Band wird wohl Helene, die kleine wilde Schwester Lenchen‘ von Ana im Vordergrund stehen – und sie wird ganz andere Lebenswege wählen!

Und dann arbeite ich schon wieder an einem weiteren Roman, von dem ich aber noch nicht erzählen möchte.

Und so viele weitere Geschichten schwirren in meinem Kopf herum!

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Zum Schluss möchte ich Danke sagen für dieses Interview!

Es waren kluge Fragen von einer aufmerksamen Leserin, die ich sehr gerne beantwortet habe.

Wir danken Dir auch für das tolle Interview und wünschen Dir von Herzen weiterhin viel Erfolg mit Deinen Büchern!