Priska Lo Cascio – Interview

Eine Schweizerin in Köln

Liebe Priska, vielen herzlichen Dank, Dass Du dich unseren Fragen stellst. Dein neuer Roman „Die Stunde zwischen Nacht und Morgen“ der gerade erschienen ist, spielt nahe unserer Heimatstadt und gleichzeitig in einer ganz anderen Epoche als dein früherer Roman. Gab es einen bestimmen Grund dafür, dass Du die Epoche gewechselt hast?

Eigentlich nicht. Wenn mir eine Geschichte begegnet, die ich unbedingt erzählen will, spielt die Epoche keine Rolle. Aber es hat mich tatsächlich zuvor schon eine ganze Weile lang in den Fingern gejuckt, etwas über die Kriegszeiten zu schreiben.

Schreibt man über die Nachkriegszeit anders als über das Mittelalter?

Oh ja. Die Schreibsprache sowie auch der Ton ändern sich dabei grundlegend. Bei Geschichten im Mittelalter versuche ich, eine etwas gesetztere Sprache zu benutzen, ganz gerne auch mit Wörtern, die man sonst im Alltagsgebrauch kaum noch hört. Es gibt allerdings auch Ausdrücke, die je nach Epoche nicht benutzt werden dürfen, weil sie nicht passen und schlicht zu modern klingen. Ein Klassiker ist zum Beispiel: „Ihre Gesichtszüge entgleisten …“ So etwas darf in keinem Roman stehen, der in einer Zeit spielt, in der es weder Züge noch Geleise gab. Andererseits ist es gar nicht so einfach, „mittelalterlich“ zu fluchen, damit es auch wirklich echt klingt. 😉

Unterscheidet sich die Recherche? Wenn ja, wie?

Der größte Unterschied liegt wohl in der Menge an Recherchematerial, das sich je nach Epoche findet. Manchmal wird die Recherche so zu einer echten Detektivarbeit. Das Frühmittelalter ist zum Beispiel je nach Schauplatz sehr arm an brauchbarem Material. Hat man endlich einen Kieselstein an Information gefunden, widerspricht sich der u.U. mit anderen Quellen, was die Recherche bisweilen ziemlich aufwendig machen kann.

Je weiter wir uns jedoch dem heutigen Zeitalter nähern, umso größer wird die Fülle an Informationen. Hier besteht das Problem dann eher darin, sich nicht in der ganzen Quellenflut zu verlieren und nur das herauszupicken, was auch wirklich für die Geschichte relevant ist.

Wie lange hast Du für dieses Projekt gebraucht, um zu sagen „Genau das ist die Geschichte, die ich erzählen möchte.“?

Das Thema hat sich schnell zu einem Herzensprojekt entwickelt. Dementsprechend hoch habe ich hier auch die Anforderungen an mich selbst gesetzt. Daran gearbeitet habe ich insgesamt fast drei Jahre lang. Und sogar nach mehrmaligem Umschreiben finde ich immer noch Passagen, die ich hätte besser schreiben können.

Recherchematerial der Autorin. Copyright liegt bei der Autorin

Wie konzipierst Du Deine Bücher?

Meistens beginnt es mit einem Brainstorming zwischen den LektorInnen und mir, in dem wir verschiedene Ideen und Themenvorschläge auf den Tisch bringen und bereits eine erste Selektion machen. Die Themen in der engeren Wahl verfolge ich dann weiter, gehe etwas mehr im Detail und wäge ab, ob sich daraus auch wirklich etwas machen lässt oder nicht.

Oft treten die LektorInnen auch bereits mit bestimmten Grundideen auf mich zu und haben auch schon mehr oder weniger klare Vorgaben, was z.B. Aufhänger, Stil oder Epoche angeht. Bei diesen Anhaltspunkten fange ich dann an und beginne nach und nach, die Geschichte darum herum zu weben. Bei Historischen Romanen, fängt das z.B. schon mit einer groben Basisrecherche an. Daraus entsteht dann wiederum ein erstes Exposé das zusammen mit dem Lektorat im Detail durchgesprochen und solange bearbeitet wird, bis alles sitzt. Erst wenn der Plot steht und ich für mich selbst alle nötigen Basisinformationen über Setting, Epoche, Protagonisten gesammelt habe und mich einigermaßen sicher darin fühle, fange ich überhaupt mit dem Schreiben an.

Wie war es für Dich als Schweizerin über Köln zu schreiben? Was verbindest Du persönlich mit der Stadt?

Sehr spannend und sehr beeindruckend. Ich habe einmal mehr festgestellt, wie wenig ich als Schweizerin eigentlich über mein Nachbarland weiß. Köln selbst ist eine tolle Stadt mit einer herrlich quirlig-mondänen Atmosphäre. Ich mag vor allem die Selbstironie der Kölner und ihre völlig unkomplizierte Weltanschauung. Ganz nach dem Motto: Et hät noch immer jot jejange 😊

Köln hat für viele Menschen in Deutschland, besonders in NRW oder dem Rheinland eine große Bedeutung. War Dir diese Bedeutung bewusst?

Ich wusste, dass Köln eine der wichtigsten und bekanntesten Städte Deutschlands ist. Was für eine kulturelle, ja, sogar emotionale Wichtigkeit sie für viele Rheinländer hat, ist mir jedoch tatsächlich erst während der Recherche so richtig bewusst geworden. Umso größer war mein Ansporn, meiner Aufgabe als Autorin hier nachzukommen. Ich hoffe, es ist mir einigermaßen gelungen …

Die „Schweizer Spende“ ein bisher unbekanntes Thema für uns, obwohl wir schon viel über den 2. Weltkrieg gelesen, gehört und gelernt haben. Wie bist Du zu diesem Thema gekommen?

Eigentlich hat das Thema mich gefunden, als mir vor ein paar Jahren zufällig ein Artikel über das „Schweizer Dorf am Venloer Wall“ in die Hände gefallen ist. Ich hatte damals schon mit dem Gedanke geliebäugelt, eine Geschichte über den 2. Weltkrieg zu schreiben, fand das aber als Schweizerin doch ziemlich vermessen. Und plötzlich hatte ich einen Weg gefunden, meine 2 Cents zu einem Thema zu geben, das mir schon seit Langem auf dem Herzen lag.

Mitarbeiter des „Schweizer Dorfes“ am Venloer Wall in Köln. Das Copyright liegt bei der Autorin.

Wie wichtig war Dir die Rolle Deines Heimatlandes kritisch zu beleuchten?

Sehr wichtig. Wir Schweizer verstecken uns gerne hinter unserer Landesneutralität. Das hat sich bis heute nicht geändert. Insbesondere, wenn es um die eidgenössische Außenpolitik während den Kriegsjahren geht. Der Spruch „An sechs Tagen der Woche arbeiten die Schweizer für Hitler-Deutschland, am siebten Tag beten sie für den Sieg der Alliierten“ war seinerzeit nicht umsonst ein geläufiger Slogan und umreißt in wenigen Worten das komplette Bild. Natürlich hatte die Schweiz damals, umgeben von Achsenmächten und doch wirtschaftlich von diesen abhängig, keinen leichten Stand, und ich hätte in diesen Jahren niemals ein politisches Amt hier innehaben wollen. Umso wichtiger finde ich es aber, dass solche Details endlich offen zur Sprache kommen und sich auch die Schweiz ihrer Vergangenheit stellt. Das Thema wird jedoch leider weder in den Schulen beleuchtet, noch hat bis jetzt überhaupt eine Art Aufarbeitung stattgefunden.

Hast Du dich auch mit der Rolle Deiner eigenen Familie im 2. Weltkrieg auseinandergesetzt?

Ja, vor allem mit der meiner Familie väterlicherseits aus Österreich. Mein Vater war sechszehn, als der Krieg zu Ende ging. Die Erzählungen über seine Kindheit und wie es war, mit einem jüdischen Familiennamen aufzuwachsen, haben mich immer tief bewegt. Und irgendwann werde ich auch herausfinden, was mit meinem Opa geschehen ist, der nur ein paar Tage vor Kriegsende spurlos verschwunden ist.

Warst Du zu Recherchezwecken oft In Köln? Wie hast Du das speziell mit dem Kölner Dialekt gemacht?

Leider war ich längst nicht so oft in Köln, wie ich es mir gewünscht hätte – vor Corona hat es nur für 2 Besuche für jeweils ein paar Tage gereicht. Aber es werden bestimmt nicht die letzten Male gewesen sein.

Ich hatte jedoch das Riesenglück, dass meine Außenlektorin aus Köln stammt. Sie hat den Dialektausdrücken den letzten Schliff verpasst.

Wie wichtig ist Dir die Ausarbeitung der Figuren?

Das ist für mich das A & O. Flache oder mit zu vielen Klischees behaftete Charaktere sind mir ein absoluter Gräuel. Ich mag Figuren mit Ecken und Kanten. Solche, die man als Leser auch manchmal schütteln möchte, weil sie sich so danebenbenehmen. 😉

Eli steht für einen neuen Typ Frau. War es Dir wichtig, Sie genau so zu zeichnen?

Ja, genau so hatte ich sie mir tatsächlich von Anfang an vorgestellt. Ich glaube, der Krieg hat gezwungenermaßen einen neuen, unglaublich starken Typ Frau hervorgebracht, die sich gegen die althergebrachten Muster und Rollenverteilungen aufgelehnt haben. Darauf deuten auch die Scheidungsraten hin, die sich im Vergleich in den Nachkriegsjahren mehr als verdoppelt haben.

Helmut ist traumatisiert, als er aus der Gefangenschaft zurückkommt, dennoch hat er seinen Stolz und seine Würde nicht verloren. Gleichzeitig setzt er sich kritisch mit seinen eigenen Taten auseinander und gibt zu feige gewesen zu sein. Diese innere Zerrissenheit hast Du gut dargestellt. Hierfür hast Du sicherlich viele Gespräche führen müssen, oder?

Ich hatte tatsächlich das große Privileg mit einem Kriegsveteranen sprechen zu dürfen. Das war ein unglaublich einschneidendes und bewegendes Erlebnis. Dem Gespräch folgten jedoch noch viele, viele aufgezeichnete Zeitzeugenberichte nebst Dokumentationen über Posttraumatische Belastungsstörungen bei Soldaten im Allgemeinen. Ob im 1. oder 2. Weltkrieg, in Vietnam oder Afghanistan – die Traumata, die solche Ereignisse in Menschen auslösen, spiegeln sich fast immer auf erschreckend grausame Weise.

Hilfe die direkt bei den betroffenen Familien ankommt. Copyright bei der Autorin.

Wird es eine Fortsetzung geben? Wie lange müssen wir auf Dein neues Buch von Dir warten?

Ob es von „Die Stunde zwischen Nacht und Morgen“ eine Fortsetzung gibt, hängt natürlich in erster Linie von den Verkaufszahlen ab. Geplant ist im Moment nichts, und die Story ist in sich abgeschlossen. Es wäre jedoch durchaus spannend, die Protagonisten Eli, Helmut und auch Mattes auf ihrem weiteren Weg zu begleiten. Auch über die Fünfziger- und Sechzigerjahre gäbe es viel zu erzählen, wer weiß …

Vorerst arbeite ich jedoch an einem neuen Historischen Roman, der im 15. Jahrhundert in Nürnberg spielt. Der Erscheinungstermin hierfür steht zwar noch nicht fest, sollte jedoch irgendwann im Frühling 2022 sein.

Du schlägst teilweise sehr leise Töne an, die aber sehr intensiv sind. Würdest Du sagen, dass dies ein Markenzeichen von Dir ist?

Das würde ich so nicht behaupten, ich kann auch ganz anders 😊. Manchmal sind leise Töne jedoch lauter als Gebrüll.

Herzlichen Dank für diese tolle ausführliche Interview!