Hanna Caspian – Interview

Du schreibst auch noch unter einem anderen Namen / Pseudonym (Regina Gärtner). Wie kam es dazu?

Regina Gärtner ist mein richtiger Name, Hanna Caspian mein Pseudonym. Wie kam es dazu? Der Verlag, damals noch der Heyne Verlag, wollte einen neuen Impuls im Buchhandel setzen. Meine beiden Südsee-Romane waren ganz gut gelaufen, aber nicht überragend. Da Heyne aber das Potenzial in mir sah, mehr rauszuholen, wollten sie mit einem neuen Namen versuchen, die Buchhändler zu überzeugen. Das ist dann mit „Die Kirschvilla“, meinem ersten Buch unter Hanna Caspian, auch ziemlich gut gelungen.

Quelle: http://www.droemer-knaur.de

In welcher Zeit (bezogen auf die Romane) fühlst Du Dich am wohlsten?

Am liebsten mag ich das späte Kaiserreich, die sogenannte Wilhelminische Zeit, und um ganz genau zu sein: die Jahre nach dem Jahrhundertwechsel. Obwohl viele der gravierenden Änderungen schon in den drei Jahrzehnten vorher begonnen hatten, nahmen sie aber erst ab der Jahrhundertwende so richtig Fahrt auf: die Elektrizität, Automobile, die Verbreitung der Zeitungen, und vor allem der Gedanke an Freiheit und Gleichheit. Es ist eine wunderbar aufregende Zeit, in der furchtbar viel passierte. Ich vergleiche sie gerne mit dem digitalen Umbruch, den wir jetzt gerade erleben.

Wie kamst Du auf die Idee zu Gut Greifenau?

Nach dem Erfolg der britischen Fernsehen-Serie Downton Abbey suchten natürlich alle Verlage und alle Autoren nach Ideen, so etwas auch für Deutschland umzusetzen. Und mir ging es nicht anders. Aber ich wollte die Idee des Upstairs-Downstairs nicht mit der 25sten Grafensohn-verliebt-sich-in-Dienstbotinnen oder Grafentochter-erprobt-die- Freiheit-Geschichte bereichern. Das alleine war mir zu wenig.

Erst während meiner Recherche zur Fürstenenteignung, die ich während des Schreibens von „Die Kirschvilla“ durchführte, kam mir plötzlich der Geistesblitz: Es gab in Deutschland genau in der Downton Abbey-Zeit einen unfassbar folgenreichen Systemwechsel: von der Monarchie zur demokratischen Republik in weniger als vierzehn Tagen. Das als Ausgangspunkt nehmend geht es in den Ersten Weltkrieg, der schließlich im Sturz von Kaiser Wilhelm und die Novemberrevolution mündete, in die chaotischen Monate nach dem Ende der Monarchie und der Konstituierung der Weimarer Republik. Das alles bildet nicht nur den Hintergrund von Gut Greifenau: Es ist aktiv mit dem Schicksal meiner Figuren verstrickt. Und wenn ich den Rezensionen glauben darf, dann habe ich es geschafft, diese historischen Hintergründe so geschickt einzuweben, dass man interessante Dinge über unsere Historie lernt, ohne dass es die Story langweilig oder langatmig macht.

Was hat Dich besonders an der Reihe um Gut Greifenau gereizt? War es schon am Anfang klar, dass es drei Bände werden würden?

Quelle: http://www.droemer-knaur.de

Es war von Anfang an klar, dass es eine große Saga werden sollte, aber auch musste. Es gab so viel Stoff, den ich verarbeiten wollte. So viele Figuren, die dort mit reinspielen. Bei jedem neuen Projekt, das ich angeht, stellt sich eine andere, völlig neue Herausforderung für mich. Und so reizte mich bei Gut Greifenau besonders, dass ich zum ersten Mal eine derart epische Geschichte bewältigen musste.

Wie hast Du genau recherchiert?

Sehr genau. Ich recherchierte in der Regel auch noch jede einzelne Kleinigkeit, die in einem Halbsatz auftaucht. Wenn ich keine genauen Informationen finde, bleibe ich auch in meinem Text vage. Ansonsten, wenn der zum Beispiel steht, am 28. Dezember 1917 gab es einen Blutmond, dann gab es an dem Tag einen Blutmond.

Wie viele Fachbücher /Fachartikel hast Du (ungefähr)  gelesen? Liest Du Original-Quellen?

Furchtbar viele. Und ich lese auch viele Original-Quellen, wie z.B. Zeitungs-Artikel. So viele, dass ich das gar nicht beziffern kann. Viele Fachbücher lese ich nicht ganz, sondern nur die entsprechenden Artikel, die mich gerade interessieren.

Du bist auch Fan der Serie Downton Abbey. Hat eine Figur aus Greifenau ein Vorbild aus der erfolgreichen englischen Serie?

Die von Auwitz-Aarhayns sind natürlich genau wie die Crawleys bei Downton Abbey eine typische Landadelsfamilie. Aber da hört die Ähnlichkeit dann auch schon auf. Ich habe mir sehr genau überlegt, welche Figuren ich für die Geschichte, so wie ich sie erzählen wollte, brauche. Meine Figuren sind eher der deutschen Geschichte angepasst. Zum Beispiel habe ich Feodora, die Gräfin, eine Russin aus St. Petersburg sein lassen, die nach Hinterpommern geheiratet hat. Diese familiären Verbindungen brauchte ich für etwas, was Konstantin im Band. 2 in St. Petersburg erledigen soll. Überhaupt war diese ganze Deutschland-Russland-Connection wichtig für den Sturz der Monarchie. Deshalb also habe ich aus Feodora eine Russin gemacht. Rebecca spiegelt den Aufstieg der Sozialdemokraten und der demokratischen bürgerlichen Bewegung wieder, die es zu dieser Zeit tatsächlich gab. Und Julius spielt für mich die Rolle, die Übergabe der Macht vom Adel an die Industriebarone zu symbolisieren. Das Konzept von Gut Greifenau ist ähnlich wie bei Downton Abbey: Es wird der ganz große gesellschaftliche Bogen gespannt. Aber alles andere, die Figuren, die kleinen Geschichten, die Lügen und Intrigen, und vor allen Dingen der äußere historische Rahmen ist ja nun notwendigerweise in Deutschland ganz anders.

Wie wichtig sind dir historische Persönlichkeiten oder historische Ereignisse in Deinen Romanen?

Äußerst wichtig. Die originalen historischen Ereignisse sind sozusagen die Eckpunkte, an die die einzelnen Figuren und ihre Geschichten zielgenau gegen Bande gespielt werden. Meine Figuren dagegen sind alle fiktiv, aber sie bewegen sich im historisch belegten Alltag und der damaligen Gesellschaft, wie sie damals tatsächlich existierte. Und ich verknüpfe ihre Geschicke: So hat Konstantin etwas mit Lenins Reise in einem plombierten Zug durch Deutschland zu tun. Und für Katharina hat das Schicksal des deutschen Kaiserhauses direkte Konsequenzen.

Quelle: http://www.dromer-knaur.de

Hast Du mir dem Erfolg der Bücher gerechnet?

SPIEGEL-Bestseller Platz #10? Natürlich hofft man immer darauf. Aber gerechnet, nein! Mit sowas kann man nicht rechnen, auf sowas kann man nur hoffen (und beten und flehen).

Über welches Ereignis, welche Person würdest Du gerne einmal schreiben? Oder magst Du lieber die schriftstellerische Freiheit von fiktiven Figuren?

Es sind eher die historischen Ereignisse, die mich anziehen, als bestimmte Personen. Da ich immer versuche, historisch sehr genau zu bleiben, würde mich allerdings ein vorgegebener Lebenslauf einer echter Person doch sehr einengen. Dann reichere ich lieber historische Ereignisse mit fiktiven Personen an und kann mich viel frei bewegen, was dann wiederum der Spannung und der Dramatik guttut.

Darfst Du uns schon etwas zu Deinen neuen Projekten verraten? Wann können wir mit neuen Lesefutter von Dir rechnen?

Mein nächstes Buch wird voraussichtlich im Frühjahr 2020 erscheinen. Und mehr darf ich dir nicht verraten, oder ich müsste dich töten.  😉

Du hast nun das Schlusswort. Was möchtest Du uns, Deinen Leserinnen und Lesern, sagen?

Schreiben ist ein sehr einsamer Prozess. Man sitzt monatelang, manchmal jahrelang an einem Projekt, und bekommt keine Rückmeldung. Man schreibt sozusagen ins Blaue hinein. Deswegen bin ich immer sehr angetan davon, in Rezensionen davon zu hören, wie das Leseerlebnis meiner Leserinnen und Leser war. Was ihnen besonders gefallen hat, welche Figur ihre liebste war und wieso. Rezensionen sind für Autoren das, was Applaus (oder auch Buhrufe) für Schauspieler sind. Ich freue mich daher über jede einzelne Rezension, auch wenn vielleicht schon alles, was man sagen möchte, irgendwo anders steht. 

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